Herr Stickelberger, wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung des BIPV-Markts in der Schweiz ein? Gibt es aus Ihrer Sicht messbare Trends oder Impulse, die diesen Bereich derzeit besonders antreiben?
David Stickelberger: Die Schweiz bleibt weltweit führend im BIPV-Markt, und er wächst. Ein Indiz dafür sind die steigenden Gesuchszahlen für den Neigungswinkelbonus der Förderstelle Pronovo. 2024 waren es mit 1'536 Gesuchen mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Im laufenden Jahr ist allerdings mit einer Stagnation zu rechnen, wie das für den gesamten PV-Markt gilt und was mit der Umsetzung des Stromgesetzes zusammenhängt. Wichtige Impulse lassen aber erwarten, dass das Wachstum bald wieder Fahrt aufnimmt: Der Neigungswinkelbonus wurde Anfang 2025 verdoppelt. Voraussichtlich ab Januar 2026 wird es ein Meldeverfahren für gut integrierte Fassadenanlagen ausserhalb von Schutzobjekten geben, was den bürokratischen Aufwand für Baubewilligungen massgeblich reduziert.
Bei der Abnahmevergütung für den ins Netz eingespeisten Solarstrom geht der Trend klar in Richtung tiefe Vergütungen oder Einspeisebegrenzungen über Mittag und insbesondere in den Sommermonaten. Fassadenanlagen sind davon weniger betroffen, da sie fast die Hälfte des Stroms im Winterhalbjahr liefern und keine Mittags-Produktionsspitzen aufweisen. Bei den Brandschutzbestimmungen für Fassaden-PV dürfte es ab 2027 zu weiteren Vereinfachungen kommen, dank einem neuen Stand-der-Technik-Papier von Swissolar. All dies erleichtert Planern und Architektinnen die Arbeit mit BIPV. Auch in der Architekturbranche hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Solarmodule vielfältig einsetzbare Gestaltungselemente sind. Dabei helfen auch die auf BIPV spezialisierten Modulhersteller – mehrere davon in der Schweiz – mit ihrem breiten Angebot bezüglich Grössen, Farben und Texturen von Solarmodulen. Kreative Neu- und Umbauprojekte animieren weitere Architekten, sich mit BIPV auseinanderzusetzen.
Welche Rolle spielt BIPV in der Umsetzung der Schweizer Energiestrategie 2050?
Die Schweiz ist weltweit gesehen auf Platz 10, was die installierte PV-Leistung pro Kopf betrifft. Und diese Leistung ist bei uns im Gegensatz zu den anderen Spitzenreitern fast ausschliesslich auf Gebäuden installiert. Auch wenn weniger als 10 Prozent davon in BIPV-Anlagen installiert ist: Die hohe Anlagenqualität und der sorgfältige Umgang mit der Bausubstanz haben diese Position möglich gemacht. Auch beim zukünftigen Ausbau der erneuerbaren Energien stehen bei uns Solaranlagen auf Gebäuden im Zentrum: Auf den geeigneten Dach- und Fassadenflächen der Schweiz könnte pro Jahr rund ein Viertel mehr Strom produziert werden, als wir aktuell verbrauchen. Insbesondere bei Fassadenanlagen und in Kombination mit Dachsanierungen liegt es nahe, auf BIPV zu setzen. Unterstützt wird dies durch eine rund 10 Prozent höhere Förderung (Einmalvergütung) für dach- oder fassadenintegrierte Anlagen.
Was sind aktuell die grössten Herausforderungen für eine breite Marktdurchdringung von BIPV in der Schweiz?
BIPV-Anlagen sind immer noch deutlich teurer als angebaute Anlagen, auch wenn dies teilweise durch den Wegfall herkömmlicher Materialien wie Ziegel teilweise kompensiert wird. Aber es ist davon auszugehen, dass durch den häufigeren Einsatz der Spezialmodule deren Preise sinken werden.
Wie sehen Sie die Bereitschaft von Bauherren und Architekten, sich mit BIPV auseinanderzusetzen?
Gewerbliche Bauherrschaften und die öffentliche Hand sehen die Chance, mit einer Fassadenanlage das Engagement für die saubere Energieversorgung sichtbar zu machen, während bei Wohngebäuden integrierte Module im Steildach beliebt sind – aber auch hier sind Solarfassaden im Vormarsch. In der Architekturbranche konnten in den letzten Jahren sehr viele Vorbehalte gegen Solarenergie abgebaut werden, und mit kreativen BIPV-Projekten werden laufend wertvolle Erfahrungen gesammelt.
Welche politischen oder marktwirtschaftlichen Massnahmen könnten BIPV zusätzlich stärken?
Die höhere Förderung für integrierte Anlagen, der Neigungswinkelbonus und das geplante Meldeverfahren für Fassadenanlagen machen BIPV attraktiv. Zudem prüfen einige Kantone Solarpflichten bei Dachsanierungen, was ebenfalls starke Anreize schafft. Für Betreiber ist jedoch Planungssicherheit entscheidend – gerade bei einer Anlagendauer von über 30 Jahren und stark schwankenden Strompreisen. Am besten fährt, wer den Strom selbst nutzt oder in der Nachbarschaft verkauft – etwa über Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV) oder lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG). Vor allem Letztere müssen regulatorisch noch attraktiver gemacht werden. Wichtig ist zudem eine garantierte Minimalvergütung für eingespeisten Strom.
Gibt es besonders inspirierende oder beispielhafte BIPV-Projekte, die Sie nennen könnten?
Hier verweise ich gerne auf die Website www.solarchitecture.ch, mit einer beeindruckenden Sammlung von detailliert beschriebenen BIPV-Projekten. Besonders gefallen mir zwei Renovationen in Zürich:
- Das Haus Bellerivestrasse 36 wurde von C.F. Møller Architects mit PV-Beschattungselementen mit einer Leistung von 436 kW ausgestattet, die das Gebäude auch ästhetisch stark aufwerten. Hinzu kommen 42 kW PV auf dem Flachdach.
- Das Dach des Hauptsitzes von Schutz & Rettung Zürich wurde mit terrakottafarbenen Modulen mit einer Leistung von 76 kW ausgestattet - eines der grössten farbigen Solardächer in Europa.
Ebenfalls spektakulär ist das neue hybride Holzhochhaus von Boltshauser Architekten AG im Regensdorfer Zwhatt-Areal. Es ist mit horizontalen PV-Beschattungselementen mit total 187 kW Leistung ausgestattet, die zusammen mit der Dachanlage rund 50% des Strombedarfs der Wohnungen decken sollen. Es lohnt sich, dies mal genauer anzuschauen. Das kann man im Rahmen unseres Symposiums Solares Bauen am 9. September 2025 tun.
Wie können PV-Grosshändler und Fachpartner dazu beitragen, BIPV erfolgreicher im Markt zu verankern?
Indem sie bei Bauherrschaften und Architekten die grosse Produktvielfalt und die breiten Anwendungsmöglichkeiten noch stärker als bisher bekannt machen.
Ihr persönlicher Ausblick: Wo sehen Sie BIPV in fünf bis zehn Jahren in der Schweiz?
Wir werden einen noch vielfältigeren Einsatz der Photovoltaik in Dächern und Fassaden sehen. Dank den genannten Fördermassnahmen und sinkenden Produktpreisen wird der BIPV-Anteil am gesamten Anlagenbestand steigen. Und für die meisten Architekten wird es eine Selbstverständlichkeit sein, Solarmodule als energieproduzierendes Gestaltungselement einzusetzen.
Solarmarkt ist ein führender Anbieter von BIPV-Komponenten und unterstützt Fachpartner in allen Belangen rund um gebäudeintegrierte Photovoltaik mit umfassendem Know-how. Diverse Tools, ein zuverlässiger technischer Support sowie fachmännische Schulungen und Webinare komplettieren das BIPV-Angebot von Solarmarkt und sind ein essenzieller Bestandteil bei der Realisierung individueller Photovoltaikanlagen. Sie haben Fragen zu gebäudeintegrierter Photovoltaik? Kontaktieren Sie Dirk Kalmbach, Leiter Geschäftsbereich BIPV und Sonderprojekte bei Solarmarkt.